Narrenschiffe der Frühen Neuzeit


Kap. 4: Der Modenarr

Sebastian Brants 'Narrenschiff' darf als Gründungsdokument der frühneuzeitlichen Narrenliteratur gelten. Sein Erfolg auf dem europäischen Buchmarkt war bemerkenswert. Allein zwischen 1494 und 1500 erschienen in Europa 28 Druckausgaben; bis in 17. Jahrhundert blieb die Überlieferung lebendig.

Unter Traditio narragonica finden Sie ein vollständiges Verzeichnis der Überlieferung bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts. Die von uns ausgewählten Ausgaben, die vor 1500 erschienen sind, werden im Textkorpus von 'Narragonien digital' aufgeführt.


Sebastian Brant selbst hatte gemeinsam mit seinem Verleger Johann Bergmann von Olpe drei deutschsprachige Ausgaben des 'Narrenschiffs' (1494 [GW5041], 1495 [GW5046], 1499 [GW5047]) in Basel publiziert. Zu seinen Lebzeiten wurden noch weitere drei Auflagen (mit den Originalholzschnitten) in Basel (1506, 1509) und Straßburg (1512) gedruckt. Bald nach der Erstausgabe vom Februar 1494 erschienen die ersten Nachdrucke und Bearbeitungen. Noch 1494 kamen unautorisierte Nachdrucke in Nürnberg [GW5042], Augsburg [GW5045] und Reutlingen [GW5043,5044] auf den Markt. Wenig später wurde die inhaltlich stark erweiterte, sog. "interpolierte Fassung" in Straßburg [GW5048] publiziert, die ihrerseits mehrfach nachgedruckt wurde. Eine niederdeutsche Bearbeitung [GW5053] erschien 1497 in der Mohnkopf-Offizin in Lübeck.

Kap. 4: Der Modenarr
Für das europäische Fortwirken des 'Narrenschiffs' entscheidend war, dass Brant eine lateinische Bearbeitung durch seinen Schüler Jakob Locher anfertigen ließ. Diese 'Stultifera navis' erschien bei Bergmann von Olpe in Basel zunächst in drei Ausgaben (1.3.1497 [GW5054], 1.8.1497 [GW5061], 1.3.1498 [GW5062]). Bis 1572 erfuhr sie insgesamt 11 Ausgaben.

Die 'Stultifera navis' war ihrerseits Vorlage für französische Adaptationen: für die Versbearbeitung des Pierre de Rivière [GW5058], die 1497 in Paris erschien, sowie für die Bearbeitungen von Jean Drouyn (Lyon 1498/9) und die bei Geoffroy de Marnef gedruckte Pariser Adaptation (1499). Ebenfalls u.a. auf das lateinische 'Narrenschiff' gehen die niederländischer Bearbeitung (Paris 1500) sowie die beiden englischen Versionen von Alexander Barclay und Thomas Watson (London 1509) zurück.

Ein Beispiel für das europäische Fortwirken des 'Narrenschiffs' ist der 'Modenarr' (Kap. 4), der stets die neueste Haute Couture trägt und dem ein alter Narr den Spiegel hält. Hier dieses Kapitel in einigen europäischen Ausgaben:

Kap. 4: Der Modenarr
Die Überlieferung des 'Narrenschiffs' wird durch die neue Werk- und Forschungsbibliographie von J. Knape und T. Wilhelmi vollständig dokumentiert. Sein Fortwirken bis ins 17. Jahrhundert hat in der jüngeren Forschung erneut Aufmerksamkeit gefunden. Für einen ersten Überblick seien empfohlen:

  • Knape, Joachim; Wilhelmi, Thomas: Sebastian Brant Bibliographie. Bd. 1: Werke und Überlieferungen. Bd. 2: Forschungsliteratur bis 2016. Wiesbaden 2015, 2018 (Gratia 53, 63).
  • Burrichter, Brigitte: Sebastian Brants Narrenschiff und seine europäische Rezeption im 15. Jahrhundert. Vorstellung der digitalen Edition wichtiger Ausgaben (deutsch, lateinisch, französisch und englisch) und erste Ergebnisse eines Vergleichs. In: Bernd Bastert, Sieglinde Hartmann (Hg.), Romania und Germania. Kulturelle und literarische Austauschprozesse in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Wiesbaden 2019, S. 311-323.
  • Hamm, Joachim: Intermediale Varianz. Sebastian Brants 'Narrenschiff' in deutschen Ausgaben des 15. Jahrhunderts. In: Überlieferungsgeschichte transdisziplinär. Neue Perspektiven auf ein germanistisches Forschungsparadigma. Hg. v. Dorothea Klein. Wiesbaden 2016, S. 223-240. (Digitalisat)
  • Lemmer, Manfred: Studien zur Wirkung von Sebastian Brants Narrenschiff. Habilitationsschrift (masch.) Halle/S. 1981. (Digitalisat)
  • Metzger-Rambach, Anne-Laure: „Le texte emprunté“. Étude comparée du 'Narrenschiff' de Sebastian Brant et de ses adaptations, 1494-1509. Paris 2008.